Hallo zusammen,
ich hoffe, ich bin hier richtig und vielleicht hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht oder kann mir einen Rat geben.
Unsere Tochter wurde vor fast fünf Monaten eingeschult. Sie ist mit fünf Jahren eingeschult worden, weil sie ein Septemberkind ist und bei uns ist es so geregelt, dass alle Kinder, die bis zum 30. September Geburtstag haben, eingeschult werden müssen.
Ehrlich gesagt habe ich inzwischen immer mehr das Gefühl, dass das für sie vielleicht einfach zu früh war. Sie hat sich lange darauf gefreut und den ersten Tag auch richtig gut gemeistert. Aber sobald der „richtige Alltag“ losging, entwickelte sie eine sehr starke Trennungsangst.
Seitdem ist jeder Morgen ein großer Kampf.
Aktuell ist es so, dass ich sie jeden Tag bis in die Klasse hinein begleiten muss. Ich versuche es oft so, dass ich nur bis zur Tür gehe und sie dann alleine reingehen soll, aber das schafft sie nicht. Sobald ich sie ermutige, bricht sie in Tränen aus, klammert sich fest an mich und gerät regelrecht in Panik. Am Ende muss ich doch mit hinein. Dann zieht die Lehrerin sie von mir weg, während meine Tochter stark weint, und ich gehe. Mir wird von der Schule gesagt, sie müsse das jetzt „langsam lernen“, alleine zu gehen aber ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich das schaffen soll, ohne dass es jeden Morgen eskaliert.
Wir haben schon vieles probiert: Belohnungen (Extra-Sachen, wenn sie es schafft), aber auch strengere Konsequenzen (schimpfen, etwas wegnehmen). Beides hat nicht funktioniert. Mein Mann und ich waren auch schon bei einer Kinderpsychologin zur Beratung (ohne unsere Tochter), und dort hieß es, wir sollten ihr „Brücken bauen“. Wir haben es wirklich versucht, aber auch das scheint nicht zu greifen.
Ich habe außerdem eine Belohnungstafel/ eine Art Visionboard eingeführt: Wenn sie es dreimal in der Woche schafft, alleine reinzugehen, gibt es Familien-Extrazeit (z. B. Schwimmbad oder Kino). Trotzdem geht sie nicht alleine rein.
Vielleicht ist noch wichtig als Hintergrund: Letztes Jahr ist bei uns noch ein Baby geboren, und wir sind außerdem umgezogen. Unsere Tochter ist dadurch ohne ihre Kindergartenfreunde in eine komplett neue Schule gekommen und kannte dort niemanden. Ich frage mich, ob das alles zusammen einfach zu viel war und ob das frühe Einschulungsalter zusätzlich eine Rolle spielt.
Einmal haben wir sogar auf Vorschlag der Lehrerin auf dem Schulhof bis nach 8 Uhr gewartet, weil die Idee war, dass sie vielleicht reingeht, wenn der Unterricht schon angefangen hat und sie merkt, dass sie fehlt. Das hat es aber eher verschlimmert: Sie ist in Panik verfallen und hat ganz schrecklich geweint.
Von der Lehrerin bekomme ich immerhin das Feedback, dass es „nur“ der Übergang ist und sie nach einigen Minuten ruhig wird, sobald ich weg bin. Aber dieser Übergang ist jeden Morgen so heftig, dass ich inzwischen wirklich verzweifelt bin.
Ich habe das Gefühl, ich drehe mich im Kreis: Sie leidet, ich leide, und trotzdem ändert sich nichts.
Hat jemand von euch das schon erlebt? Was hat euch geholfen? Wie kann man so einen Übergang auf eine Weise begleiten, die das Kind nicht überfordert aber trotzdem Richtung Selbstständigkeit führt?
Vielen Dank fürs Lesen.
Liebe Grüße Anna
Hallo Anna,
gut, dass Sie hier schreiben, nicht alleine bleiben mit Ihren -aktuell- absolut nachvollziehbaren Sorgen und sich den Austausch mit anderen hier im Elternforum gönnen. Mein Nickname hier ist bke-Lorenz Bauer, bin einer der Moderator*innen und heiße Sie im Namen des ganzen Mod-Teams herzlich willkommen. Sie haben wirklich eindrücklich geschildert, wie es Ihnen, dem Vater und natürlich auch Ihrer kleinen Tochter geht. Ganz ehrlich, liebe Anna, ich kann wirklich sehr gut nachvollziehen, wie Sie sich fühlen, wie sehr das seit der Einschulung Ihr Leben und Ihren Alltag beeinflusst. Wie sich am Morgen -wahrscheinlich schon am Vorabend jedes Schultags- Ihre Gedanken um den nächsten Gang zur Schule drehen. Das ist eine Belastung, die sich Außenstehende meist nicht vorstellen können, so meine Erfahrung.
Klartext: Zum einen bleibt Ihnen im Moment nicht viel anderes übrig, als gemeinsam in einer "liebevollen Klarheit" auszuhalten. Das ist jedoch schon eine ganze Menge!
Zum anderen haben Sie gut beschrieben, was Sie bereits alles unternommen haben, wo Sie sich Rat und Unterstützung geholt haben, was Sie alles ausprobiert haben und weiter ausprobieren: Vermutlich ist Ihnen schon im letzten Kindergartenjahr durch den Kopf gegangen, ob es nicht zu früh für die Schule sei. Sei's drum, Sie als Ihr Kind über alles liebende Eltern sind davon ausgegangen, dass das passt und gut wird. Logisch, was sonst. Einschulung ist ja an sich schon aufregend genug. Für alle Beteiligten.
Sie bauen jede Menge Brücken, nur leider hat sich -was das Procedere morgens angeht- noch nicht die gewünschte Entwicklung, die ersehnte Entlastung und Unbeschwertheit eingestellt. Kinder haben eben ihr eigenes Tempo und können das sehr vehement "verteidigen".
Gleichzeitig hören Sie von der Lehrerin, dass Ihre Tochter, nachdem Sie diese wackelige Hängebrücke mit Ihrer Hilfe (gut) überquert hat, in einen anderen Modus wechseln kann. Aufhört zu weinen, sich dem Geschehen in der Klasse widmen kann. Das halte ich für sehr wichtig und zeigt, dass es eben um das Wackeln auf der Brücke von der wunderbaren Geborgenheit und der Sicherheit bei Mama und Papa in das -noch- sehr neue Terrain "Schule" geht.
Sie schreiben auch von anderen Veränderungen. Ihre Tochter hat vor einem Jahr ein Geschwisterchen bekommen, eine schöne Erweiterung Ihrer Familie und natürlich auch eine Veränderung der 4 Jahre eingespielten "Dreisamkeit" für sie. Dann noch der Umzug in eine andere Umgebung, verbunden damit, dass die gewohnten Kindergarten-Freund*innen nicht mehr so greifbar sind, wie früher. Das ist jetzt so und gehört auch zum Leben in Familien dazu. Und Sie braucht jetzt starke Eltern, die sie weiter unterstützen.
Ich möchte im Forum nicht weiter ins Detail gehen, könnte mir jedoch vorstellen, dass eine persönliche Mailberatung hier eine gute Begleitung bzw. Möglichkeit zur Reflektion für Sie sein könnte. Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen, okay?
Ohne zu wissen, wie Sie morgens "mental unterwegs" sind mit Ihrer Tochter und was sie davon spürt, denke ich, Sie helfen Ihr am besten, in dem Sie nicht zu sehr "mitleiden". Das wäre absolut nachvollziehbar, dennoch ist es meist wenig hilfreich. Ihre kleine Tochter hat genug, was Sie bewältigen muss beim Überqueren der Hängebrücke. Da fehlt es gerade noch, dass Sie sich Gedanken und Sorgen um Mama und Papa machen muss, weil die traurig oder eben "fix und alle" sind. Wegen Ihr. Das ist nicht ihr Job. Also achten Sie darauf, nicht zu sehr auf die "Theatralik", die Ihre kleine Tochter im Griff hat, einzusteigen oder diese zu spiegeln. Es hilft ihr nicht, wenn Sie Mama und Papa als (von ihr) belastet erlebt. Das ist mit Sicherheit nicht im Sinne Ihrer Tochter.
So, genug geschrieben jetzt. Ich gehe davon aus, Sie werden hier von anderen Eltern oder zusätzlich auch in einer Mailberatung weitere Anregungen und Impulse bekommen, diese Zeit gut zu bewältigen und zuversichtlich zu bleiben.
Sie sind nicht alleine mit dieser Herausforderung, auch wenn Sie vielleicht in Ihrem Umfeld niemanden kennen, der Ähnliches erlebt. Wir in den Beratungsstellen sprechen nicht selten mit Eltern über genau diese "Challenge", das können Sie mir glauben.
Was meinen denn die anderen Eltern mit Ihren Erfahrungen dazu?
Viele Grüße und eine große Portion (absolut berechtigter Zuversicht) für Sie,
bke-Lorenz Bauer